Eine Gleichmäßigkeitsrallye mit 10 Sollzeitprüfungen, je WP nur eine Zeitvorgabe, hört sich ja irgendwie langweilig an. Beinhaltet die Aufgabenstellung, daß die besagten WP´s alle für den öffentlichen Verkehr gesperrt klingt das schon interessanter. Kommt dann noch dazu, daß die Zeitvorgaben eine forsche Gangart erfordern, das Reglement ein richtiges Rallyefahrzeug mit allen Sicherheitsvorkehrungen wie Käfig usw. vorschreibt, die Besatzung verpflichtet wird im feuerfesten Strampelanzug und Helm anzutreten, dann ist das für den gewöhnlichen deutschen Oldtimerrallyefahrer schon ein wenig verwunderlich. Für diejenigen die dem Rallyesport schon seit Jahren bzw. Jahrzehnten sowohl aktiv wie passiv eng verbunden sind beginnt bei dieser Vorstellung der Blutdruck sich langsam nach oben zu bewegen.
Der Leser wird sich mittlerweile fragen um was es hier überhaupt geht? Ok, wir lösen auf: Es geht um das 9. Revival des Rally Club Valpantena rund um Grezzana (Verona), ausgetragen nach dem italienischen Reglement “Regolarita Sport”. Im Grunde handelt es sich um eine ganz normale Rallye mit dem Unterschied, daß nicht auf Bestzeit sondern auf Sollzeit gefahren wird. Die Zeitvorgaben, in Kombination mit den sehr selektiven Strecken, erfordern ein “Arbeiten” wie bei einer Bestzeitrallye. Dies bedeutet u. a. daß man vorher einen Aufschrieb erstellt und auf der WP auch so flott unterwegs ist wie bei einer Bestzeitveranstaltung. Der Italiener unterscheidet dabei acht Klassen. Einteilungskriterien sind Baujahr und Leistung des Fahrzeugs. Aus dieser Klassifikation resultiert die unterschiedliche Zeitvorgabe. Ein System was sich bewährt hat und auch als gerecht angesehen wird.
Zur “Valpantena” pilgern alljährlich Anfang November 240 (in Worten zweihundervierzig!!!) Rallyefahrzeuge aus den 70ern und den 80ern Jahren samt Besatzungen und Servicetross. So auch die beiden deutschen Teams Karl Heinz Zick / Fritz Binöder, bewaffnet mit einem ehemaligen Werks Audi Quattro Gruppe 4 und Norbert Henglein / Matthias Pfister die den bekannten und zuverlässigen 911 RSR durch die italienischen Berge hetzen.
Das Quattro Team tummelt sich im 110 Fahrzeug starken Feld der sogenannten “All Stars, einer Meute die ohne Wertung, just for fun die Strecke unter die Räder nimmt, in Deutschland würde man diese Kategorie als “Slowly Sideways” bezeichnen. Das fränkische Porscheteam war, wie Zick / Binöder, in der Vergangenheit bereits zweimal in dieser Kategorie am Start und wollte sich in diesem Jahr die ganze Angelegenheit mal in Wertung antun. Man meldete als ein Team von 130 in der Regolarita Sport Wertung. Die beiden Mannschaften teilten sich eine Servicecrew, die Versorgung beider Autos durch ein Mechanikertem funktioniert bei der Valpantena dadurch sehr gut, da die 10 WP´s aus vier identischen Strecken und zwei nur einmal zu befahrenden Prüfungen bestehen, somit muss der Service seinen Standort kaum ändern.
Los ging es am Freitag Abend mit zwei Prüfungen in den Bergen und einem engen Kurs auf dem Messegelände von Verona. Trotz kühlem Wetter und Dunkelheit waren die Strecken reich an Zuschauern die ihrem südländischen Temperament mit heftigen Anfeuerungen, Transparenten und Lagerfeuern freien Lauf ließen. Bevor es ins Etappenziel ging, stand noch eine halbstündige Pause an. Diese befand sich auf der Piazza Bra inmitten von Verona, einfacher gesagt: Direkt vor der weltbekannten Arena.
Gut ausgeschlafen ging es am kommenden Vormittag in die Berge, drei WP´s, Länge zwischen 4 und knapp 9 km, standen auf dem Programm, bevor noch einmal der “Messerundkurs” in Verona unter die Räder genommen wurde. Mittagspause gegen 15:00 Uhr (!!!) und dann nochmal ab auf die Gipfel. Bis man am Start der ersten WP der Finaletappe stand war es bereits wieder dunkel, so konnte man sozusagen den Vormittag nochmal bei Dunkelheit genießen. Zur Tagesschauzeit, gegen 20:00 Uhr, war dann Feierabend am Zielbogen in Grezzana.
Für das Quattroteam war es ein turbulenter zweiter Tag, der Schalthebel hatte mehrfach das Bedürfniss sich vom Mitteltunnel zu verabschieden und konnte nur provisorisch befestigt werden. Unterstützung bekam dieser Defekt dazu noch von einer Benzinleitung die meinte sie müsse den Sprit nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung stellen. Letztendlich konnte man die Rallye trotz der Widrigkeiten beenden.
Das 911er Team hatte hingegen keinerlei technische Probleme zu beklagen, viel mehr als Tanken und Scheiben putzen hatten die Serviceleute nicht zu tun. Der Aufschrieb passte auch, so daß man in flotter Gangart Richtung gelbes Schild fliegen konnte, wo man meisst zwischen 30 und 90 Sekunden Vorzeit hatte bevor es über die Zielzeitmessung ging. Diese war, anders als gewohnt, nicht mit einer Lichtschranke ausgestattet sondern mit einem Druckschlauch (in Italien die bevorzugte Messmethode). Trotz der ungewohnten Schlauchmessmethode konnte man am Ende ein sehr zufriedenstellendes Resultat erzielen. Platz 6 im Gesamtklassement war unter diesen Umständen ein Erfolg, der bei der Siegerehrung von den Tifosi mit einem intensiven und sehr lang anhaltenden Applaus belohnt wurde.

Hat vielleicht jetzt jemand Blut geleckt? Wenn ja, dann ab nach Grezzana! Als Teilnehmer sollte man über ein rallyetaugliches, historisches Vehikel verfügen, einen feuerfesten Overall samt homologierten Helm sein Eigen nennen. Wer das alles nicht hat und sich die Frage stellt ob sich ein herbstlicher Ausflug in die herrliche Bergwelt nördlich von Verona lohnt der sollte sich mal die Starterliste auf www.rallyclubvalpantena.it betrachten. Gibt man auf youtube “Rally Valpantena” als Suchbegriff ein, so ist das Suchergebniss auch ein gewisser Garant für Gänsehaut und lässt einem die Entscheidung für den Kurzurlaub im November 2012 noch leichter fallen. Oder Sie fragen einfach mal einen der sich dies in der Vergangenheit schon mit Begeisterung angetan hat, Walter Röhrl wäre da z. B. eine gute Referenz.
Am Ende bleibt dem Verfasser dieser Zeilen, der als Copilot bei diesem Spektakel dabei war, noch das Vergnügen einen Gruß nach Italien zu schicken: “Mille grazie ragazzi, veniamo di nuovo!!!”
MP
Bilder: Rallyclub Valpantena